Praktische Umsetzung der Risikokompetenz bei Kindern aus Perspektive der Naturpädagogik
TÄKS e.V.
Gelebte Inklusion

Praktische Umsetzung der Risikokompetenz bei Kindern aus Perspektive der Naturpädagogik

Während einer Fortbildung zur naturnahen Gestaltung von Außenbereichen von Kindertagesstätten wurden wir zum ersten Mal richtig aufmerksam darauf, was für eine Chance und Relevanz das Erfahren und Erlernen von Risikokompetenz im Rahmen des naturpädagogischen Angebots hat und haben soll.

Bei der Fortbildung tauschten sich verschiedene pädagogische Fachkräfte über ihre Erfahrungen, Sorgen und Freuden aus, die ein vielfältig gestalteter KiTa‑Garten mit all seinen Potentialen und Risiken mit sich bringt. Während einige KollegInnen berichteten, dass auf ihrem Gelände viele Stöcke und Steine zum Bespielen und Verbauen liegen, äußerten andere genau in diesem Zusammenhang ihre Sorgen und die der Eltern, nämlich hinsichtlich der Verletzungsgefahr, die beispielsweise herumliegende Stöcke darstellen.

Alle KollegInnen waren sich einig, dass es wirklich kein einfacher Balanceakt ist, den wir als pädagogische Fachkräfte bewältigen müssen: Wir tragen die Verantwortung für die Kinder anderer Menschen und wollen natürlich, dass ihnen auf keinen Fall etwas zustößt. Gleichzeitig besteht unser Bildungsauftrag auch darin, die Neugierde und den Erfahrungsdrang der Kinder zu fördern und eine anregende Umgebung zu schaffen. Die Kita darf keine Blase darstellen, in der Gefahren der Welt komplett ausgeklammert werden, sondern es sollen reelle Erfahrungen der Kinder aufgegriffen und deren verschiedene Fähigkeiten auf unterschiedliche Weise gefördert werden. Dies machen wir ja auch sonst, wenn wir die Kinder in anderen wichtigen (Lebens-)Themen begleiten, beispielsweise bei Fragen der Diskriminierung und Ausgrenzung oder im Umgang mit Tod und Krankheit. In all diesen Fällen unterstützen wir die Kinder und stärken ihre Kompetenz.

Ein Kind, das es schafft, auf einen Baum zu klettern oder dem wir das Vertrauen schenken, einen Nagel in ein Brett schlagen zu lassen, spürt Selbstkompetenz. Dabei ist es immer wieder wichtig, den Kindern das Gefühl zu geben, wenn sie sich etwas nicht zutrauen - beispielsweise ein Streichholz anzuzünden – natürlich auch dies in Ordnung ist. Und wenn wir das Kind gut kennen und uns zutrauen, sein Verhalten richtig einschätzen zu können, begleiten wir es so, dass es gemeinsam mit uns die Aufgabe bewältigen kann. Vielleicht zünden wir das Streichholz selbst an, geben dieses dann aber an das Kind weiter. In unserem Arbeitsalltag können wir dann besondere Momenten erleben, beispielsweise, wenn über dem kleinen Akt des Anzündens eines Streichholzes ein gewisser Zauber liegt. Und so können wir spüren, wie bedeutend es ist, dass das Kind eine riskante Situation – mit unserer Hilfe – gemeistert hat.

Natürlich heißt dies nicht, dass wir leichtsinnig sein sollen und die Kinder in Gefahr kommen lassen. Es ist, wie gesagt, ein Balanceakt, bei dem es manchmal dann eben auch vernünftiger ist, zum Wohle der Kinder kein Risiko einzugehen. Doch oft können wir die Kinder eben auch behutsam an eine "riskante" Situation heranführen.

Ein solches Herantasten könnte am Beispiel des Feuers so ablaufen: Jüngere Kinder lauschen vielleicht erst einmal im Kerzenschein einer Geschichte, während die älteren Kinder dann auch schon mal ein Stockbrot am Feuer grillen dürfen. Konkret haben wir beispielsweise mit einigen Gruppen an einem fiktiven Feuer geübt, von dem sich die Kinder und wir immer mit Sicherheitsabstand räumlich entfernt gehalten haben. An der fiktiven Feuerstelle aus Stöcken und Steinen müssen die Kinder dann mit großem Abstand vorbeilaufen. Sie lernen, sich gegenseitig an den Abstand zu erinnern und erproben so eine generelle Umsichtigkeit. Wenn nach kurzer oder längerer Zeit, nach Ermessen der PädagogInnen und im Austausch mit den Kindern, genügend geübt wurde, kann ein kleines, richtiges Feuer gezündet werden. Es sind mehrere Erwachsene zur Beaufsichtigung dabei.

Wenn wir personell weniger gut aufgestellt sind oder auch immer mal wieder zwischen durch, dann genügen auch kleinere, weniger riskante Übungen, um den Kindern ein Gefühl von Spannung und dann wieder deren Auflösung zu ermöglichen. Die Kinder und Erwachsenen können beispielsweise ein Seil an verschiedenen Baumstämmen entlang installieren. Daran können die Kinder gemeinsam oder alleine mit geschlossenen Augen entlang schreiten. Ganzheitlicher wird das Erleben, wenn der Boden unterschiedlich Abschnitte mit unterschiedlichem Belag aufweist. So nutzen wir zum Beispiel herumliegende Stöcke oder einen größeren Stein. Wenn wir die Kinder anleiten und zu achtsamen Schritten anregen, ist das Risiko klein, aber die Spannung für die meisten Kinder trotzdem sehr groß.

Beim Austausch mit den KollegInnen wird klar, dass, so wie jedes Kind, auch jede pädagogische Fachkraft unterschiedliche Bedürfnisse nach Sicherheit in bestimmten Situationen hat. Wichtig ist dabei die Absprache und eine gute Zusammenarbeit im Team, damit sich alle bei den unterschiedlichen Angeboten wohlfühlen und den Kindern wiederum Sicherheit vermitteln können.

Im Anschluss an gemeinsame Erfahrung ist ein abschließendes Gespräch mit den "AbenteurerInnen" besonders wertvoll: Wie hat sich das angefühlt? Warum wollte ich gegebenenfalls nicht mitmachen? Was würde mir helfen, damit ich mich sicherer fühle?

Marie & Shane, NaturpädagogInnen beim TÄKS